Locked History Actions

Rückblick/2003/Festivalbericht

"Die Kruste des Schweinebratens" - Die 15. Goldegger Blues & Folktage von 27.6. bis 28.6.2003

Ein Festivalbericht von Günter Burgstaller, ARGE Blues & Folktage

"Die Kruste [des Schweinebratens] wird allgemein überschätzt" lautet eine von vielen Pointen des überaus sehenswerten Berliner Films "Herr Lehmann" aus dem Jahr 2003. Darüber kann man natürlich streiten, ich meinerseits leihe mir die Formulierung aus und behaupte, dass das Wetter allgemein überschätzt wird. Insofern nämlich als dass trotz Regenwetters viele Blues & Folkfreunde den Weg nach Goldegg gefunden haben. Um der Überschätzung durch Einräumung von zu viel Aufmerksamkeit nicht Vorschub zu leisten, sei das Thema Wetter damit abgehandelt und mit keinem Wort mehr erwähnt als vielleicht noch diesem einen Nachsatz: jetzt könnte es bei den Goldegger Blues & Folk Tagen bitte schon wieder einmal zwei Tage lang durchgehend trocken und angenehm warm sein.

Plakat der 15. Goldegger Blues & Folktage

Keinesfalls überschätzen kann man hingegen den Wert der Goldegger Blues & Folktage als musikalischen Benefizveranstaltungsdauerbrenner, der seit 15 Jahren als Fixstern im Goldegger Kulturgeschehen das überaus geschätzte Publikum anzieht. Auf exakt ein Drittel dieser 15 Jahre läßt sich nun der Vorwurf unzulässiger Selbstbeweihräucherung erheben. So lange, nämlich seit 1999, leitet die ARGE Blues & Folk Tage die Geschicke des österreichweit etablierten Festivals zugunsten von Menschen mit Behinderung. Damit klopfe ich, bewahre, natürlich ausschließlich meinen unermüdlichen und unbeirrbaren Mitstreitern vulgo ARGEnauten auf die Schulter.

Unser treues Blues & Folklikum

Den musikalischen Auftakt der 15. Goldegger Blues & Folk Tage bestritt die Newcomer Band Serendipity mit Irish Folk und Weltmusik. Sehr effektvoll zu nennen ist der Flötenköcher der Multiinstrumenalistin Mona Strasser in Form einer gelben Kindergießkanne, auf der selbst bedauerlicherweise aber nicht musiziert wurde.

Serendipity

Die in Österreich raren Konzerte des Fingerpicking-Virtuosen Thomas Kleemaier werden nach seiner Übersiedlung nach Deutschland wohl noch seltener werden. Schade, denn einige vielversprechende neue Stücke seines Goldegger Auftritts werden bis zum Erscheinen der nächsten CD nur live zu hören sein.

Thomas Kleemaier

Dass Bluesrock zum Mittanzen und anspruchsvolle deutsche Texte kein Widerspruch sind, bewiesen die Bluesbrauser. Besonders tanzbegeistert zeigte sich die bereits am Vortag ihres Auftritts angereiste Juke Joint Blues Band.

Blues Brauser

Über die Qualitäten von "Sir" Oliver Mally's Blues Distillery haben Leserumfragen von österreichschen Musikmagazinen bereits mehrmals zweifelsfreie Urteile ergeben. Das Goldegger Publikum war nicht viel anderer Meinung und hielt bis zur allerletzten Zugabe in großer Zahl trotz Regens und später Stunde aus.

'Sir' Oliver Mally's Blues Distillery

Es hätte keines Beweises bedurft, dass unser Tontechniker Manfred die unzähligen Bedienelemente seines Mischpultes blind bedienen kann: wir hätten es ihm auch so geglaubt. Das professionelle Service seines Teams im Zusammenspiel mit hochwertiger technischer Ausstattung (diesmal sogar mit computergesteuerten Effektscheinwerfern) hat einen nicht zu unterschätzenden Anteil am Klangerlebnis der Goldegger Blues & Folk Tage.

Tontechniker Manfred

Zahllose versuchen sich außerhalb der Ursprungsländer an traditioneller Musik der britischen Inseln, aber nur wenige beherrschen die typischen Arrangements und den Instrumentalstil so wie die slowenisch-österreichischen Triplets. Stilechtes Regenwetter stellte sich zum ersten Auftritt des zweiten Festivaltages postwendend ein.

Triplets

Das australische Vokaltrio Acapelicans war 2000 ein besonderer Liebling der Goldegger Zuhörerschaft. In diesem Jahr kehrte ihr damaliger Tourmanager Ali Foeger mit seinem eigenen A-capella-Trio Singapur zurück. Trotz Beschreitung eigener Wege sind Anleihen an die Australier unverleugbar, mit gesangstechnischem Bravour konnte Singapur vor Ort einen ähnlichen Erfolg einfahren.

Singapur

Im Vorjahr aus organisatorischen Gründen entfallen, musizierten diesmal wieder Schützlinge der Lebenshilfe mit Konservatoriumsmusikern. Die Stücke wurden im Rahmen des Projekts "Spielraum Musik" erarbeitet, über dessen Konzept ein davor gezeigter Dokumentarkurzfilm informierte.

Lebenshilfe Musikprojekt

Nicht nur mit keltischen Klängen läßt sich märchenhaft-mystische Stimmung erzeugen, sondern auch mit Anleihen an die alpenländische Mythologie, im Ausseer Dialekt und auf traditionellen wie auch modernen Intrumenten. Überzeugend dargelegt von Rauhnacht, dem vorletzten Programmpunkt des zweiten Abends.

Rauhnacht

Um besondere Publikumsnähe war schließlich die Juke Joint Blues Band bemüht, deren Bandmitglieder während einzelner Nummern des öfteren ein Bad in der Menge nahmen. Die Restrukturierungsphase hat den Juke Jointers nicht geschadet, besonders erfrischend wirkte die Unterstützung durch die Almtal Powerhorns.

Juke Joint Blues Band

Hieß der Stifter des Kunstwerks aus dem Jahr 2002 Moser, so war es diesmal ein Künstler namens Obermoser, der eines seiner Werke der ARGE zur Versteigerung zugunsten der Lebenshilfe dankenswerterweise zur Verfügung stellte. "Urvater" Günter Eisenmann fühlt sich, geschützt durch die Glasscheibe, trotz bedenklicher Nähe zum Maul des Löwen bei der Bildbegutachtung augenscheinlich ziemlich sicher. Der bei der Versteigerung erzielte Betrag leistete einen schätzenswerten Beitrag zum Reinerlös der Veranstaltung.

Kunstwerk 2003

Mit Sicherheit wird der Versuch, die Leistungen der Mitarbeiter der Lebenshilfe aufzuzählen, nur eine lückenhafte Liste all der Tätigkeitigen ergeben, durch die optimale Rahmenbedingungen für die Veranstaltung geschaffen werden: Kartenverkauf an der Kasse, Bewirtung des Publikums mit hausgemachten Aufstrichen und Mehlspeisen als Ergänzung zum Angebot unseres Schlosswirtes Walter, Pendeldienst mit dem Lebenshilfebus zwischen Schloss und Unterkunft, Heimtransport übriggebliebener orientierungsloser Festivalbesucher. Nicht zu vergessen die Geschenke für die Musiker, die von den Schützlingen der Lebenshilfe selbst angefertigt werden: in diesem Jahr handelte es sich um farbenfrohe Mobiles mit Fischmotiven.

Lebenshilfe

Der Zahl 16 widmet die Zahlensymbolik noch weniger Aufmerksamkeit als ihrer Vorgängerin, sie wird ohne nähere Erläuterung in drei Zeilen als Symbolzahl der Ganzheit und Vollkommenheit abgehandelt, weil 4 x 4 = 16 ist. Zwar ist keineswegs zu befürchten, dass deswegen die 16. Goldegger Blues & Folktage langweilig würden, der Zahl 16 wird diese magere Beschreibung aber keineswegs gerecht: es ist nämlich nicht nur 4 hoch 2 = 16, sondern bemerkenswerterweise auch 2 hoch 4.

Darüberhinaus ist 16 die Basis des für die Internetkultur bedeutsamen Hexadezimalsystems. Dezimal 16 ist in hexadezimaler Darstellung 10 - eigentlich wieder ein Anlass zu einer Jubiläumsfeier, umso mehr noch als 16 in binärer Darstellung 10000 entspricht. Letztendlich ist 16 das Doppelte von 8, der Basis des für die Internetkultur ebenfalls wichtigen Oktalsystems, in dem 16 die Darstellung 20 einnimmt. Ob 2004 also die 10., 16., 20. oder gar die 10000. Goldegger Blues & Folk Tage stattfinden ist Nebensache, wichtig ist nur, dass sie stattfinden werden, mit spannendem Musikprogramm und viel, viel Publikum. Über das Wetter lassen wir, eingedenk der einleitend festgestellten allgemeinen Überschätzung desselben, den Mantel des Schweigens gebreitet.

Geschafft im doppelten Sinn