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Rückblick/2002/Festivalbericht

"Des derfats ma bittschee neama doa" - Die 14. Goldegger Blues & Folktage von 28.6. bis 29.6.2002

Ein Festivalbericht von Günter Burgstaller, ARGE Blues & Folktage

Vermutlich alle Veranstalter von Freiluftkonzerten werden vor dem Veranstaltungstermin zu Meterologen, rufen stündlich im Internet die aktuellsten Satellitenbilder ab, studieren den Kalender hinsichtlich der geltenden Bauernregel, opfern den Wettergöttern aller Religionen und beobachten argwöhnisch das Himmelszelt. Trotz der eingehenden Beschäftigung mit dem Wetter hatten wir am letzten Juniwochenende des Jahres 2002 noch keine Ahnung, was in den folgenden Wochen und Monaten für eine Sintflut über das Land hereinbrechen sollte.

Plakat der 14. Goldegger Blues & Folk Tage

Aber wir hatten bereits unsere liebe Not mit vom Himmel herabströmenden Wasser, das sich in den Planen der Bühnenüberdachung sammelte und dort bedenkliche Einbauchungen verursachte. Dagegen war mit einem mittels zweitem Stiel und Klebeband verlängerten Spezialregenbesen nicht mehr anzukommen. Die Lösung findiger ARGE Helfer war eine Drainage mit Hilfe von Gartenschläuchen, deren eines Ende durch waghalsige Kletterei in den Wasserbauch getaucht und an deren anderem Ende einmal fest angesaugt werden musste, ohne dabei in den Genuss von zu viel Regenwasser zu kommen. Was letztendlich in der weltanschaulichen Frage mündete: warum kann es kein Bier regnen?

Den schalen Regenwassergeschmack noch auf der Zunge, wollten wir es den Besuchern der 14. Goldegger Blues & Folktage natürlich nicht zumuten, dass ihnen der Regen das Krügerl verwässert und beschafften, da Petrus keinesfalls zu trauen war, rasch entschlossen einige Partyzelte, ergänzt durch die Sonnenschirme von der Terrasse des Schlosscafés. Dabei kam die schon öfter diskutierte Idee einer aufziehbaren Überdachung des Innenhofes wieder ins Gespräch. Warum sollte, was den Römern mit dem um ein Vielfaches größeren Kolosseum gelungen war, nicht auch beim Innenhof des Goldegger Schlosses möglich sein? Einige ARGE Aktivisten, die im Architekturgewerbe und in der Baubranche tätig sind, haben vor, diese Idee weiter zu verfolgen. Wir werden sehen - darüber nachzudenken kann keinesfalls ein Fehler sein.

Ringen mit dem Regenbesen

Angesichts des hartnäckigen Regens war es nur natürlich, dass viele Zuhörer mit der Musik von Çiftetelli das in Verbindung brachten, was man sich in unseren Breiten bei solchen Witterungsverhältnissen am meisten wünscht: Urlaub im sonnigen Süden. Mit dieser Charakterisierung wird man der Musik und dem musikalischen Können dieser bei uns lebenden Musiker aus dem Mittelraum selbstverständlich nur bedingt gerecht. Das Spektrum der musikalischen Reise auf dem fliegenden Klangteppich von Çiftetelli reichte von fröhlichen Tänzen über Trinklieder bis zum "Blues" der griechischen Kultursphäre, dem Rebetiko. Besonders reizvoll waren der Klang vieler bei uns wenig bekannter Instrumente, die Sprachvielfalt der Liedtexte und die nuancenreiche Interpretation der griechisch-österreichischen Sängerin.

Çiftetelli

Für die Kuba AG war der Auftritt in Goldegg ein Indikator für die Publikumswirksamkeit ihres musikalischen Konzepts kurz vor der ersten Österreichtournee. Mit einer Band dieses Namens und dieser Besetzung verbindet man heiße Rhythmen - eine Erwartung, die mit viel Perkussion und Bass nicht enttäuscht wurde. Schwer vorauszuahnen waren hingegen die dazugehörigen kabarettistischen Texte von C.J. Spörk. Da wurden das mehr oder weniger vorgezeichnete, monoton ablaufende Leben des Klein- und Spießbürgers durch den Kakao gezogen, mit Musik hinterlegte Schimpfworttiraden vorgebracht, gegen Fidel Castro und Jörghaiderismus angesungen und Tips zur Konfliktlösung in Beziehungen mit Ablaufdatum, sogenannten Lebensabschnittspartnerschaften gegeben. Die Indikatoren Lachen und Applaus ließen wenig Zweifel am zukünftigen Tourneeerfolg dieses Projekts.

C.J.Spörk & Kuba AG

Neben Geheimtips und Neuentdeckungen auch immer wieder auf Altbewährtes zu setzen, gehört zur ausgewogenen Gestaltung eines Festivals. Das aus Holland stammende, in Österreich wohnhafte Einmannorchester [sa:ke] fällt fraglos in die Kategorie "Altbewährtes", womit das Kategorisieren allerdings auch schon ein Ende hat. Der facettenreiche Musiker bewies nicht zum ersten Mal im Innenhof des Goldegger Schlosses, dass er mit Boogie-Piano, Taschentrompete und akkordeonbegleiteten Tom Waits Interpretationen ein Publikumsmagnet von beträchtlicher Anziehungskraft ist.

[sa:ke]

Den traditionell etwas lauteren Abschlussgig des Abends bestritt die RDM Blues Band, die trotz der Kleinstbesetzung Gitarre, Bassgitarre und Schlagzeug alles andere als einen dünnen Klang hervorzauberte. Nachdem sich weder das Publikum bezüglich Applaus, noch die Musiker hinsichtlich Zugaben bitten ließen, hatte der Großteil des Publikums an die acht Stunden durchgehalten, als der erste Festivaltag gegen zwei Uhr früh zu Ende ging.

RDM Blues Band

Keine Unbekannten in Goldegg sind Much 2 Kangaroo, nicht nur weil sie schon einmal bei der Veranstaltung zu Gast waren, sondern weil die Band sich aus Musikern der näheren Umgebung zusammensetzt. Leadsängerin Lena, aus deren Feder die meisten Texte stammen, zeigte sich diesmal auch am Saxophon recht versiert. Überhaupt überraschte Much 2 Kangaroo mit vielen neuen Nummern, die ausnahmslos aus eigener Produktion stammen. Dass die Gruppe musikalisch auf dem richtigen Weg ist, beweisen nicht nur die Topplatzierungen bei verschiedenen Bandwettbewerben, sondern alleiniges Zuhören und die entgegengebrachten Sympathien des Goldegger Publikums.

Much 2 Kangaroo

Lebenshilfeschützling Franz wirkt auf dem Bild ein wenig irritiert, was seinen Grund hat. Obwohl wie gewohnt einige musik- und tanzbegeisterte Schützlinge der Lebenshilfe bei den Konzerten anwesend waren, gab es diesmal leider kein Lebenshilfe Musikprojekt, bei dem behinderte und nicht behinderte Musiker gemeinsam auf der Bühne stehen. Aufgrund von Umbauarbeiten im Lebenshilfe Hauptquartier konnten keine Räumlichkeiten für die Proben gefunden werden. Und ohne Proben geht in der Musik, wie jeder weiß, rein gar nichts. Schade, aber beim nächsten Festival wird es wohl wieder klappen. Der Franz freut sich schon drauf.

Lebenshilfeschützling Franz

Kein Stilmittel des Country Blues ist ihnen fremd, sei es der Einsatz von Washboards, Bluesharps oder von Kazoos - ein Instrument, das der Duden übrigens in völliger Unkenntnis der Sachlage als "primitives Rohrblasinstrument" umschreibt. Der Schwerpunkt des Duos Blueswuzln liegt allerdings in ihrer soliden Gitarrenarbeit, wobei mit dem Bottleneck für Abwechslung gesorgt wird. Aus dem Delta welchen Baches, die in die Salzach münden, die zwei routinierten Blueshaudegen kommen, ist nicht bekannt, dass der Blues dort in hohem Niveau gepflegt wird, hört und sieht man.

Blueswuzln

Es ist eine grosse Freude, im Publikum jedes Jahr altbekannte Gesichter zu entdecken, und es ist eine genauso große Freude, alljährlich neue Gesichter unter den Festivalbesuchern zu erblicken. Die Besucher der Goldegger Blues & Folktage lassen sich schwer einer bestimmten Altersgruppe oder einen sozialen Schicht zuordnen. Eine bedeutsame Gemeinsamkeit ist allerdings offensichtlich: die Toleranzfreudigkeit. So wird jeder tolerante Mensch der Aussage zustimmen, dass es gute Musik gibt, die einem selbst nicht gefällt. Die Goldegger Blues & Folk Tage setzen hohe Maßstäbe bei der Qualität der gebotenen Musik. Das Spektrum der Musik ist allerdings weit gestreut und passt auch nicht immer in eine der Schubladen Blues oder Folk. Trotzdem wird, auch wenn die gebotene Musik einmal nicht hunderprozentig den eigenen Geschmack trifft, zugehört, mitgetanzt und zum Schluss eine Zugabe verlangt. Die Toleranz beim Umgang mit Menschen, die durch Behinderung andere Bedürfnisse und eine andere Sicht der Welt haben, scheint bei unserem Publikum auch beim Umgang mit dem Musikgeschmack anderer seinen Niederschlag zu finden.

Unser treues Blues & Folklikum

Auch in diesem Jahr ist es der ARGE gelungen, einen Künstler dazu zu bewegen, eines seiner Werke zur Versteigerung während der Veranstaltung, natürlich wiederum zugunsten der Lebenshilfe, zu stiften. Diesmal war es ein in Gold und Schwarz gehaltenes Frauenbildnis mit dem Titel "Venus" von Christian Moser (rechts im Bild), der hauptberuflich Restaurator ist, und - wie man sieht - nicht nur bei der Erhaltung fremder Kunstwerke mit Liebe bei der Sache ist, sondern auch beim eigenen Werkschaffen. Das Bild hat bei einem Liebhaber ein neues Zuhause gefunden, der nicht nur wegen des guten Zwecks mitgesteigert hat, sondern sein Kennerauge auf die "Venus" geworfen hatte. Der Dank für den schönen Rahmen geht an eine unserer Sponsorfirmen.

Venus, neuer Besitzer und Künstler

Dass die Schwermut in der Wiener Seele tief verankert ist, wissen wir sowohl aus dem traditionellen als auch aus dem modernen Wienerlied beispielsweise eines Roland Neuwirth. Naheliegend, dass diese Schwermut auch in ihrer englischen Wortentsprechung "Blues" in der Wienerstadt musikalisch gepflegt wird. Al Cook, häufiger Gast bei den Goldegger Blues & Folktagen springt einem sofort ins Gedächtnis. Wenn von Wien und Blues die Rede ist, wird der Goldegger Zuhörerschaft ab sofort auch G.G. King & Bluesband mit ihrer Musik im Stil des Altmeisters B.B. King ein Begriff sein, die im Einvernehmen mit dem Publikum wohl die ganze Nacht auf der Bühnen geblieben wäre, hätte nicht Ballycotton bereits in den Startlöchern gescharrt.

G.G. King & Bluesband

Die Touristikverbände des Waldviertels rühren mit dem Slogan "Mystisches Waldviertel" seit längerem schon die Werbetrommel. Vielleicht ist wirklich etwas dran. Dann wäre es dem Einfluss des Waldviertler Multitalents Jock Brocks zuzuschreiben, dass die Musik von Ballycotton seit ihrem letzten Auftritt 1999 in Goldegg einen originellen Einschlag ins märchenhaft-mystische bekommen hat. Schade nur, dass Jock Brocks seine hörenswerte Stimme nur ein einziges Mal außertourlich im Rahmen dieser Instrumentalband erklingen lassen durfte. Eine gute Figur auf der Bühne machte - nicht nur musikalisch auf der Violine - als weiterer Neuzuwachs Christina Gaismaier.

Ballycotton

Wer spielt mit bei allen Bands und ist doch kein Musiker? Wer hat kein Instrument, aber würde er einmal in die falschen Tasten greifen, würde es entweder grauenhaft oder überhaupt nicht mehr klingen? Und wer hat eine wirklich sehr eigenwillige Art, die Kopfhörer aufzusetzen? Die Rede ist von unserem neuen Tontechniker Manfred. Wenngleich der Einsatz von Manfred und seinem Kollegen bei den 14. Goldegger Blues & Folktagen eine Premiere darstellte, waren der technische Aufbau und die Abmischung während der Konzerte so, als ob er schon immer dabei gewesen wäre. Was wir ihm allerdings beibringen mussten: "Des derfats ma bittschee neama doa". Seit der frühere Tontechniker sich den Knall beim unbefugten Ausstecken eines Gitarrenkabels in dieser Weise verbat, ist die Phrase zum geflügelten Wort geworden, die bei jeder Mißfallen erregenden Handlung oder Aussage zur Anwendung gebracht wird. Es muss nicht extra erwähnt werden, dass Manfred den Umgang damit rasch erlernt und häufig davon Gebrauch gemacht hat.

Tontechniker Manfred

Nicht nur die organisatorischen Vorbereitungen bedeuten einen erheblichen Arbeitsaufwand, auch an den Festivaltagen selbst heißt es für alle freiwilligen Helfer Zupacken, sei es beim Auf- oder Abbau der Bühne oder einfach nur beim Beseitigen der Papierteller, Zigarettenstummel und Glasscherben, die allabendlich über den Hof des Schlosses verteilt zurückbleiben. Da ist es ein erfreulicher Umstand, dass die ARGE von Jahr zu Jahr wächst. Auch wenn der eine oder andere seine Aktivitäten aus beruflichen oder familiären Gründen vorübergehend auf Sparflamme schalten muss, bleibt doch der Trend einer kontinuierlichen Vermehrung von helfenden Händen.

Helfende Hände

Bezüglich der 15. Goldegger Blues & Folk Tage hält sich die Zahlensymbolik bedeckt: 15 sei eine arithmetisch-mystische Zahl, weil sie die Summe von 1 + 2 + 3 + 4 + 5 = 15 ist, zugleich aber auch ein Produkt der beiden heiligen Zahlen 3 und 5, also 3 x 5 = 15. Was Zahlensymboliker allerdings nicht wissen können: bei den 15. Goldegger Blues & Folk Tagen feiert die ARGE Blues & Folktage ihr 5 jähriges Bestehen. Dass sich die Aktivisten der ARGE zu diesem Anlass ein paar Besonderheiten einfallen lassen, ist nicht ausgeschlossen. Und so blicken wir in gespannter Erwartung mit einem "Des miassats ma bittschee no recht oft doa" auf den Lippen in Richtung nächste Blues & Folk Tage im Sommer 2003.

Die ARGE blickt in die Zukunft