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Rückblick/2001/Festivalbericht

"Alchimie einer Benefizveranstaltung" - Die 13. Goldegger Blues & Folktage von 29.6. bis 30.6.2001

Ein Festivalbericht von Günter Burgstaller, ARGE Blues & Folktage

Dieser Text ist in der Ausgabe Nr. 7 des "708" Blues Magazins, Oktober - Dezember 2001, 2. Jahrgang, erschienen.

Bereits mit der Ordnungszahl der diesjährigen Goldegger Blues & Folktage begeben wir uns in den Bereich der astralen Einflüsse, da im Volksglauben 13 ja eine Unglückszahl ist. Nachdem diese Veranstaltung jedoch sehr häufig Blicke in die Musik anderer Kulturkreise wirft, in denen 13 eine heilige Zahl ist, blieben die Blues & Folktage an beiden Tagen von bösen Wechselwirkungen verschont.

Plakat der 13. Goldegger Blues & Folktage

Zweimaliges Opfer sintflutartiger Regenfälle wurde lediglich die beim Auf- und Abbau beteiligte Helferschar. Während der Konzerte hielten die himmlischen Schleusen dicht geschlossen. Erst als am zweiten Festivaltag nach zwei Uhr morgens die letzten Bluesakkorde der zahllosen Zugaben der "Juke Joint Blues Band" verklungen waren, regnete es zum zweiten Mal auf die Mannen der ARGE in Strömen herab.

Anders als den Alchimisten des Mittelalters, denen die Herstellung von Gold nie gelungen ist, glückte es den Veranstaltern auch diesmal wieder, aus seltenen Ingredienzien ein kulturelles Kleinod zu destillieren. Die erforderlichen Zutaten sind nur teilweise dem Bereich der sieben Planetenmetalle zuzuordnen, sie entstammen zu einem Gutteil dem Bereich des Ideellen. Diese Zutaten sind: die Musik als verbindendes Element, das Schloß Goldegg als Veranstaltungsort mit historischem Ambiente, der auf Verzicht und Freigebigkeit fußende Benefizgedanke und der Integrationsgedanke im Akzeptieren der Andersartigkeit von Mitmenschen.

Ob das Goldegger Schloß Schauplatz der Ausübung alchimistischer Künste war, läßt sich nicht eruieren, in seiner Rolle als alchimistisches Reagens der Goldegger Blues & Folktage steht jedenfalls fest: der herrliche Innenhof, der vom "Kulturverein Schloß Goldegg" als Veranstaltungsort alljährlich zur Verfügung gestellt wird, ist beim Publikum und bei den Musikern gleichermaßen beliebt.

Schloß Goldegg von der Seeseite

Wenden wir uns dem Musikalischen zu: obwohl der Bandname Stärken eher im Abgang vermuten ließe, startete die Band "Smoky Finish" am Freitag fulminant vor noch etwas spärlichem Publikum mit gefühlvoll arrangierter irischer und schottischer Instrumentalmusik, der sich ab und zu auch vokale Darbietungen beigesellten. Das Spektrum umfaßte - verstärkt durch eine zweite Fiddle - traditionelle Instrumente des Genres wie Bodhrán, Flöte und Bouzouki. Die Tanzeinlage zweier Mädels auf der Bühne konnte unserem Marathon-Tänzer von der Lebenshilfe durchaus Paroli bieten.

Smoky Finish mit Tänzerinnen

Daß bei "10 Saiten 1 Bogen" der dritte im Bunde fehlte, kann man fast nicht bedauern, denn stattdessen erschienen drei Damen mit den Parts Klarinette, Akkordeon und Gesang, die mit den beiden übrigen Klezmermusikanten bestens harmonierten. Die Anekdoten und Erklärungen, die Herwig Strobl aus dem Erfahrungsschatz seiner langen Musikerlaufbahn schöpfte, lockerten die Darbietung auf.

10 Saiten 1 Bogen

Die Lokalmatadoren von Freitag abend, die Formation "M.P.H.", der zwei Mitglieder der ARGE angehören, ließen mit Jazzinterpretationen und einigen Eigenkompositionen keinen Zweifel daran, daß neben Importen auch Hausgemachtes vom Feinsten sein kann.

M.P.H.

Bei der abschließenden Bluesverkostung in "Sir Oliver Mally's Blues Distillery" war auch den weniger bluesgeeichten im Publikum sofort klar, daß in diesem Laboratorium nicht blind experimentiert, sondern fachgerecht über heißen Rythmen hochprozentiger elektrischer Blues der besten Sorte gebrannt wird. Oliver Mally demonstrierte eindrucksvoll, daß er die Verwandlung des unedlen Metalls von Gitarrensaiten in gediegenen Blues souverän beherrscht.

Sir Oliver Mally's Blues Distillery

Daß der letzte Programmpunkt sehr spät zu Ende ging, fiel etwas weniger ins Gewicht als in den Vorjahren, denn die Unterbringung für die Musiker konnte vom kilometerweit entfernten und auf der gegenüberliegenden Talseite liegenden "Gasthof Huab" zu günstigen Konditionen in den "Gasthof Hackerhof" im Goldegger Ortsgebiet verlegt werden.

Weil sich bei Bluesfans nach wenigen Stunden bereits Entzugserscheinungen einstellen, schenkte zu Beginn des Samstagprogramms Martin Langer bereits wieder reinsten Blues ein, diesmal etwas traditionellerer Art. Die anspruchsvolle Aufgabe, als Solomusiker auf der Fingerstyle-Gitarre vor dem Publikum zu reüssieren, meisterte er durch großes Können und durch Einfühlungsvermögen in Bluesnummern von Robert Johnson oder Klassiker des Country Blues aus der Feder Mississippi John Hurts. Mit Zugaben wie "Johnny B. Goode" brachte Martin Langer trotz des noch jungen Abends die Stimmung zum Kochen.

Martin Langer

Das Projekt "Spielraum Musik", bei dem behinderte und nicht behinderte Musiker gemeinsam musizieren, konnte seine Wirkung heuer in den altehrwürdigen Räumlichkeiten des Kemenatensaales optimal entfalten. Bemerkenswert war die Vielzahl der eingesetzten Instrumente: die Bandbreite erstreckte sich von diversen Perkussionsinstrumenten über Hackbrett, Mundharmonika, Akkordeon und Klavier bis hin zur Ud, einer orientalischen Laute. Zum krönenden Abschluß wurde bei verdunkeltem Kemenatensaal das Publikum in die Vorführung miteinbezogen.

Spielraum Musik

Wegen seiner eher unbewußten Wirkung läuft der Integrationsgedanke als Aspekt der Goldegger Blues & Folktage leicht in Gefahr, übersehen zu werden. Für die meisten nicht behinderten Menschen gehört ein so enger Kontakt mit Behinderten wie bei dieser Veranstaltung nicht zum Alltäglichen. Behinderte und nicht behinderte Konzertbesucher genießen gemeinsam die Musik oder tanzen - manchmal sogar als Tanzpartner - zur dargebotenen Musik. Wenn die Erkenntnis im Bewußtsein der Konzertbesucher Fuß faßt, daß behinderte Menschen nicht ausgegrenzt werden dürfen, sondern als Mitglieder in unsere Gemeinschaft zu integrieren sind, ist ein substantielles Ziel der Goldegger Blues & Folktage erreicht.

Festivalbegründer Christian Lichtenberger

Daß eine Bluesband nicht immer aus dem Mississippi-Delta kommen und englische Liedtexte haben muß, sondern auch aus dem Salzachpongau kommen darf, um mit witzigen Texten in Pongauerisch beim Publikum zu punkten, zeigten die "Bluesbrauser". Beziehungsthemen dominieren die Liedtexte der "Bluesbrauser", aber auch mangelnde Körperpflege wird keineswegs tabuisiert. Als Verdienst ist der Band anzurechnen, daß sie dem schon vielfach vergessenen Luftballon als Bluesinstrument zu neuen Ehren verhalf.

Pongauer Bluesbrauser

Nachdem die Pongauer Quereinsteiger die Latte hoch gelegt hatten, erwartete das Publikum gespannt, wie die Lungauer "Querschläger" dieser Herausforderung begegnen würden. Doch die Lungauer Routiniers mit ihrem imposanten Frontman nahmen leichtfüßig die Hürde und spielten sich mit ihrem neuen Programm, das zwischen mitreißend-kritischen und nachdenklich-ruhigen Nummern gut ausbalanciert war, in die Herzen der Zuhörer. Nicht ganz aus heiterem Himmel, denn die "Querschläger" haben als Band der ersten Stunde bei den Goldegger Blues & Folktagen eine große Fangemeinde. Die kontinuierliche musikalische Perfektionierung und Verfeinerung der Lungauer Truppe im Laufe der Jahre dürfte für viele Festivalveteranen ein nicht zu überhörendes Faktum gewesen sein.

Querschläger aus dem Lungau

Die "Juke Joint Blues Band" als letzter Programmpunkt konnte erst nach Mitternacht loslegen. Daß das Publikum von ihrem fetzigen Blues nicht genug bekommen konnte, die Musiker mit Leib und Seele bei der Sache waren und sich hinsichtlich Zugaben nicht lumpen ließen, bewies der Blick auf die Uhr nach Ende des Konzerts: die Zeiger wiesen irgendwo in den Bereich zwischen zwei und drei Uhr morgens. Was man nie wirklich wird klären können: ob die "Juke Joint Blues Band" den Regenguß, der daraufhin einsetzte, mit ihrer Musik so lange abgehalten oder heraufbeschworen hat.

Juke Joint Blues Band

Die Alchimisten waren auf der Suche nach einem zu den vier Elementen hinzukommenden fünften Element, den lebenerzeugenden und lebenbewahrenden Spiritus. Dieses im Sprachgebrauch der Alchimisten "Quintessenz" genannte, fünfte Wesen läßt sich im bezug auf die Goldegger Blues & Folktagen als Freude bei den Musikern, den Veranstaltern, beim Publikum und bei der Lebenshilfe identifizieren.

Der Lohn für die monatelangen Vorbereitungen und vielen unentgeltlichen Arbeitsstunden, die von den Mitgliedern der ARGE geleistet werden, ist die Freude darüber, der Jugend eine Zugangsmöglichkeit zu anspruchsvoller Livemusik und den Festivalveteranen einen alljährlichen Treffpunkt bieten zu können, den Ideen junger Musiker eine Plattform zu geben und behinderten Menschen durch aktive Teilnahme an der Veranstaltung und durch Übergabe des Reinerlöses Entfaltungsmöglichkeiten zu schaffen.

Einige Mitglieder der ARGE

Die Freude der Musiker hält sich vor ihrem Auftritt wegen des Verzichts auf die Gage meist in Grenzen. Mit konstanter Regelmäßigkeit stellt sich jedoch der Effekt ein, daß die Musiker vom Ambiente des Schlosses animiert und vom Überschwang des Publikums mitgerissen, nach ihrem Auftritt hellauf begeistert bis zum Schluß die Veranstaltung genießen. Dann kommt es nicht selten vor, daß Bands beim nächsten Mal von selbst an die Tür der Veranstalter klopfen, weil sie gerne wieder einmal bei den Goldegger Blues & Folktagen dabei sein würden. Als kleines Dankeschön erhielten die Musikgruppen wie jedes Jahr ein von den Schützlingen der Lebenshilfe angefertigtes Präsent. Diesmal handelte es sich dabei um farbenfrohe Fleckerlteppiche aus der Webwerkstatt.

Probefliegen auf einem Fleckerteppich der Webwerkstatt

Mit der Freude von Firmen am Bereitstellen von Sponsorgeldern ist es in der Regel ebenso nicht sonderlich gut bestellt. Würden die Sponsoren die Konzertkarten, die sie erhalten, auch nützen, so stünde es um die Spendierfreudigkeit vielleicht besser. Nichtsdestotrotz konnten durch intensive Bemühungen dieses Jahr zusätzliche Geldgeber mobilisiert werden, so daß in Summe die finanzielle Unterstützung höher war als im Vorjahr. Besondere Erwähnung verdient, daß der über die Staatsgrenzen bekannte Pongauer Künstler Hans Hofer eine seiner begehrten Keramikplastiken stiftete. Die Statue hat im Zuge einer amerikanischen Versteigerung am Samstag einen nennenswerten Geldbetrag erzielt.

Links im Bild: der neue Besitzer des Kunstwerks

Bleibt die Frage, was wir von den 14. Goldegger Blues & Folktagen erwarten dürfen. 14 ist die Verdopplung der symbolträchtigen Zahl 7, aber auch eine wichtige Mondzahl, nämlich die Hälfte des Mondzyklus von 28 Tagen. Das deutet hoffentlich auf gutes Wetter hin. Im christlichen Symboldenken ist 14 die Zahl des Guten und der Barmherzigkeit, der Hilfe aus der Not (14 Nothelfer) und des Schutzes (14 Schutzengel). Das klingt vielversprechend. Was uns jedoch mit Bestimmtheit wieder erwarten wird: ein tolles Musikprogramm und viel, viel Freude.

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